Klinisch-psychologische Praxis
KLINISCHE PSYCHOLOGIN

Zwangsstörung

Menschen mit Zwangsstörungen leiden unter aufdringlichen, ungewollten Gedanken, die starke negative Gefühle und ein ausgeprägtes Gefühl von Dringlichkeit auslösen können. Häufig geht es dabei um befürchtete Katastrophen, große Zweifel oder schwer auszuhaltende Ungewissheit.

Weil diese Gedanken so belastend sind, versuchen Betroffene, sie loszuwerden, die damit verbundenen Gefühle zu reduzieren oder eine befürchtete Gefahr unbedingt zu verhindern. Dabei entstehen Zwangshandlungen, Vermeidung, Rückversicherungen oder Grübeln. Diese bringen meist kurzfristig Erleichterung, tragen langfristig jedoch dazu bei, dass der Zwang bestehen bleibt oder sich verstärkt.

Keine Frage von Willenskraft oder Charakter

Zwangsstörungen haben nichts mit mangelnder Willenskraft oder gar einem „schlechten Charakter“ zu tun. Sie haben eine deutliche genetische und neurobiologische Komponente. Untersuchungen zeigen, dass bei Betroffenen bestimmte Bereiche und Regelkreise des Gehirns anders arbeiten – insbesondere jene, die für Kontrolle, Gewohnheiten sowie die Verarbeitung von Gefahr und Unsicherheit eine Rolle spielen.

Außerdem kommen ungewollte, aufdringliche Gedanken auch bei Menschen ohne Zwangsstörung vor. Besonders eindrücklich zeigt dies die Forschung bei jungen Müttern: Gedanken oder Vorstellungen, dem eigenen Baby versehentlich oder sogar absichtlich etwas antun zu können, sind nach der Geburt keineswegs selten. Entscheidend ist: Das Auftreten eines Gedankens bedeutet nicht, dass man diesen Gedanken verwirklichen möchte.

Genau hier liegt ein wesentlicher Ansatzpunkt zum Verständnis von Zwangsgedanken: Nicht allein der Gedanke selbst wird zum Problem, sondern die Bedeutung, die ihm beigemessen wird, und die Art und Weise, wie man auf ihn reagiert.

Ein plötzlich auftretender Gedanke wie „Was, wenn ich jemandem etwas antue?“, „Was, wenn ich mich am Einkaufswagen mit einer Krankheit anstecke?“ oder „Was, wenn etwas Schlimmes passiert, nur weil ich daran gedacht habe?“ kann als Gedanke wahrgenommen werden und wieder verschwinden. Wird ihm dagegen eine besondere Bedeutung beigemessen – etwa im Sinne von „Wenn ich so etwas denken kann, könnte ich es vielleicht wirklich tun“ oder „Wenn ich daran denke, könnte es wirklich passieren“ – entstehen Angst, Unsicherheit oder Schuldgefühle und der Drang, Sicherheit herzustellen oder das befürchtete Ereignis zu verhindern.

Betroffene versuchen dann beispielsweise, den Gedanken zu unterdrücken, sich rückzuversichern, bestimmte Situationen zu vermeiden oder durch gedankliche oder sichtbare Rituale die Angst zu reduzieren. Kurzfristig kann dies Erleichterung bringen. Langfristig trägt gerade dieses Verhalten jedoch dazu bei, dass der Gedanke immer bedeutsamer wird und der Zwang aufrechterhalten wird.

Wie behandle ich

Meine klinisch-psychologische Behandlung von Zwangsstörungen orientiert sich an der aktuellen S3-Leitlinie für Zwangsstörungen und damit an wissenschaftlich überprüften Behandlungsempfehlungen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition und Reaktionsmanagement. Dabei lernen Betroffene schrittweise, belastende Gedanken, Gefühle und Unsicherheit zuzulassen, ohne mit den bisherigen Zwangshandlungen, Vermeidungsstrategien oder gedanklichen Ritualen darauf zu reagieren.

Die Vorstellung, sich bewusst zwangsauslösenden Situationen oder Gedanken zu stellen, kann zunächst beängstigend sein. Schließlich haben Sie bisher vielleicht versucht, genau diese Situationen zu vermeiden oder belastende Gedanken und Gefühle durch Zwangshandlungen oder mentale Rituale zu neutralisieren.

Diese Reaktion ist verständlich. Expositionen sind sehr wirksam, können aber auch herausfordernd sein. Deshalb kann therapeutische Begleitung besonders hilfreich sein. In meiner klinisch-psychologischen Praxis in Graz entwickeln wir gemeinsam einen Plan und gehen schrittweise und in Ihrem Tempo vor. Sie werden niemals zu einer Exposition gedrängt, für die Sie sich noch nicht bereit fühlen.

Zwänge können zudem sehr subtil sein: Manche Zwangshandlungen, Vermeidungs- und Sicherheitsstrategien laufen nahezu automatisch ab und werden zunächst gar nicht als solche erkannt. Gemeinsam identifizieren wir diese Muster und erarbeiten neue Strategien im Umgang mit Zwangsgedanken, Unsicherheit und dem Drang, Zwangshandlungen auszuführen.

Können Medikamente helfen?

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie können Zwangsstörungen auch medikamentös, insbesondere mit bestimmten Antidepressiva (SSRI), behandelt werden. SSRI können Zwangssymptome deutlich reduzieren.

Die Behandlung mit SSRI gilt aber als weniger wirksam als die kognitive Verhaltenstherapie. Zudem besteht nach dem Absetzen ein erhöhtes Risiko, dass die Beschwerden wieder zunehmen oder zurückkehren.

Wie können sich Zwänge zeigen?
Zwangsstörungen können sehr unterschiedlich aussehen. Zu den häufigen Erscheinungsformen und Inhalten gehören:
Aggressive Zwangsgedanken
Ungewollte, beängstigende Gedanken, Vorstellungen oder Impulse, sich selbst oder anderen etwas anzutun.
Sexuelle Zwangsgedanken
Aufdringliche Gedanken, Vorstellungen oder Zweifel mit sexuellen Inhalten, z. B. die Angst, pädophil zu sein.
Zweifel an der sexuellen Orientierung
Quälende, immer wiederkehrende Zweifel an der eigenen sexuellen Orientierung.
Kontaminationsängste sowie Wasch- und Putzzwänge
Starke Angst vor Verschmutzung, Krankheit oder Ansteckung, häufig verbunden mit übermäßigem Waschen, Reinigen oder Vermeiden.
Kontrollzwänge
Die Angst, durch einen Fehler oder eine Unachtsamkeit Schaden verursacht zu haben, führt zu wiederholtem Kontrollieren.
Beziehungsbezogene Zwangsgedanken (ROCD)
Wiederkehrende Zweifel an der eigenen Beziehung, den eigenen Gefühlen oder dem Partner bzw. der Partnerin.
Zwanghafte Eifersucht
Quälende Zweifel an der Treue des Partners oder der Partnerin und der Drang, immer wieder Gewissheit darüber zu erlangen.
Angst, „verrückt“ oder psychotisch zu werden
Aufdringliche Zweifel und Ängste, die Kontrolle über den eigenen Verstand zu verlieren oder eine psychotische Erkrankung zu entwickeln.
Hyperbewusstheit / sensomotorische Zwänge
Übermäßige Aufmerksamkeit auf normalerweise automatische Vorgänge wie Atmung, Schlucken oder Blinzeln oder auf bestimmte Reize aus der Umgebung.
Existenzielle Zwangsgedanken
Quälendes Grübeln über Fragen zu Existenz, Wirklichkeit, Sinn oder dem Universum.
Zweifel an Erinnerungen
Wiederkehrende Unsicherheit darüber, ob man sich an vergangene Ereignisse richtig erinnert oder möglicherweise etwas getan hat.
Moralische Zwangsgedanken
Ständige Zweifel, ein guter oder moralischer Mensch zu sein, oder quälendes Grübeln über tatsächliche oder vermeintliche Fehler.
Zwangsgedanken rund um Schwangerschaft und Geburt
Beängstigende, ungewollte Gedanken oder Vorstellungen im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt oder dem eigenen Baby.
Magisches Denken und Zwänge
Das Gefühl, durch bestimmte Gedanken oder Handlungen ein befürchtetes Ereignis verhindern oder beeinflussen zu müssen.
Symmetrie- und Ordnungszwänge
Ein starker Drang, Dinge nach bestimmten Regeln, in einer bestimmten Reihenfolge oder symmetrisch anzuordnen.
Zählzwänge
Der Drang, Handlungen, Gegenstände oder Vorgänge zu zählen oder bestimmte Handlungen eine festgelegte Anzahl von Malen auszuführen.
Religiöse Zwangsgedanken (Skrupulosität)
Ungewollte religiöse oder moralische Gedanken und Zweifel, häufig verbunden mit der Angst, etwas Falsches oder Sündhaftes gedacht oder getan zu haben.
Sie haben noch Fragen oder möchten mehr über die Behandlung erfahren? Kontaktieren Sie mich gerne telefonisch oder per E-Mail.